Tinnitus – ein widerborstiges Problem

Tinnitus kann in unterschiedlichem Ausmaß auftreten. Je nach Stärke ist er einfach nur lästig oder verursacht aber ernsthafte Beschwerden. Dann beeinträchtigt er die Fähigkeit, klar zu hören und mit der Umwelt zu kommunizieren.

Bereiten Ihnen Klingeln, Brummen oder andere Ohrgeräusche schlaflose Nächte, leiden Sie unter Konzentrationsproblemen oder schwindet Ihr Interesse an sozialen Kontakten?

Dann sind Sie mit diesem Problem nicht allein. Laut dem amerikanischen Better Hearing Institute (BHI) leiden zwischen 30 und 50 Millionen Menschen in den USA an Tinnitus. 42 % der Betroffenen weisen außerdem einen Hörverlust auf. Viele von ihnen haben nach Angaben des BHI für keines der beiden Leiden Hilfe und Beratung gesucht. Weltweit schätzt man die Anzahl der Tinnitusbetroffenen auf ca. 250 Millionen.

 

Jennifer Born, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit bei der American Tinnitus Association erklärt diese Tatsache so: „Viele Patienten werden von ihren Hausärzten falsch beraten und mit der Information nach Hause geschickt, dass gegen Tinnitus nichts unternommen werden könne und sie damit leben müssen.“

Es ist zwar wahr, dass es keine absolute Heilung für Tinnitus gibt, aber es kann sehr viel dafür getan werden, dass Sie das Klingeln, Brummen und Sausen in Ihren Ohren weniger stört. Hörsysteme, Geräte zur Tinnitusbehandlung, Computerprogramme und Handy-Apps bieten Schalltherapieprogramme an, die die Auswirkungen von Tinnitus mildern. Und darüber hinaus gibt es Beratungs- und Selbsthilfegruppen, die seelische Unterstützung zur Verfügung stellen.

 

Keine Kontrolle

Bei vielen tritt das Tinnitusgeräusch nur sporadisch auf. Bei anderen kann das Geräusch wiederum so intensiv sein, dass sie sich im Alltag davon beeinträchtigt fühlen. Laut Richard Tyler, einem Professor und Tinnitusexperten der Universität von Iowa, sind die häufigsten Nebenerscheinungen bei Tinnitus Stress, Hörminderungen, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme.

Tyler sagt, dass Menschen mit leichter Hörminderung sich als Reaktion auf dieses Handicap oft sozialem Kontakt entziehen und vorgeben, ein funktionierendes Gehör zu haben. Hat man zusätzlich Tinnitus, ist die Sache etwas komplizierter. Im Rahmen der Studie des BHI, aus der auch die oben genannten Angaben stammen, gaben 22 Prozent der Teilnehmer an, dass der Tinnitus sie „unfähig“ oder „fast unfähig“ mache, ihren Alltag zu bestreiten. Knapp 40 Prozent sagten aus, während 80 Prozent des Tages oder länger Tinnitusgeräusche zu hören.

„Man hat keine Kontrolle darüber“, erklärt Tyler. „Viele wissen, dass Hörsysteme helfen könnten, aber sie weigern sich, den Schritt zu machen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

 

Körperliche Entlastung

Alle Hörsysteme, so Richard Tyler, stellen für Tinnitusbetroffene eine Hilfe dar. Sobald jemand ein Hörsystem trägt, verbessert sich die Kommunika- tionsfähigkeit dieser Person, wodurch der Stress durch angespanntes Zuhören deutlich reduziert wird. Und da Stress ein zentraler Faktor bei der Wahrnehmung von Tinnitus ist, kann durch eine entspanntere Lebensweise die Verbesserung der Tinnitussymptome erreicht werden. 43 Prozent der Teilnehmer an der BHI-Studie gaben an, dass ihre Hörsysteme die Auswirkungen des Tinnitus abgeschwächt hätten.

Manche Hörsysteme können mit speziellen Schallprogrammen ausgestattet werden, wie mit z.B. Widex Zen, das Entspannung fördert und Tinnitusgeräusche maskiert. Wenn die Zen-Programme von Widex im Hörsystem programmiert werden, wird die Verstärkung der Zen-Klänge an den individuellen Grad des Hörverlusts des Trägers angepasst. Die Zen-Programme können zu jedem gewünschten Zeitpunkt und ohne, dass die Außenwelt es mitbekommt, eingesetzt werden. So können Hörsystem-Träger wählen, wann für sie die Hörbarkeit, und wann die Zen-Klänge Vorrang haben.

Richard Tyler bemerkt, dass Hörsysteme oft als teuer und störend empfunden werden. Ihm erscheint der Preis eines Hörsystems jedoch „unglaublich niedrig“, wenn man bedenkt, wie sehr man von besserem Hören und weniger Stress profitiert. „Wir sind uns nicht darüber bewusst, dass Hören und Kommunikation so zentrale und wichtige Aspekte in unserem Leben sind“, kommentiert er.

Allerdings haben nicht alle Tinnitusbetroffenen auch eine Hörminderung. Für diese Gruppe stehen besondere Behandlungsoptionen wie zum Beispiel Klangtherapie-Programme für MP3-Player, Computer und Smartphones zur Verfügung.

 

Seelische Entlastung

Auch die Linderung von emotionalen Beschwerden wie Schlafmangel, Stress und sozialem Rückzug ist ein wichtiges Ziel der Tinnitusbehandlung. Zwölf Prozent gaben bei der BHI-Studie an, dass der Tinnitus ihre Freizeitgestaltung, ihre Partnerschaft und andere soziale Kontakte und ihr mentales Wohlbefinden beeinträchtigen würde. Ein Viertel der Teilnehmer teilte mit, dass der Tinnitus ihren Schlaf störe.

Eine Heilung des Tinnitus ist bislang nicht in Sicht, aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, die damit verbundenen Beschwerden zu lindern. Forschungen haben ergeben, dass z.B. neben Hörsystemen auch Yoga eine davon ist.

Yoga hat seine Wurzeln in Indien und ist über 5000 Jahre alt. Doch mit mehr als 15 Millionen Anhängern allein in den USA ist es heute populärer denn je. Die Gründe für seine Beliebtheit liegen sicherlich in der Energie, der Ruhe und dem Wohlbefinden, die Yoga-Schüler aus den Übungen dieser philosophischen Lehre ziehen. Das hat Forscher dazu veranlasst, zu untersuchen, ob Yoga auch als Behandlungsmethode, zum Beispiel für die Linderung von Tinnitusbeschwerden, in Frage kommt.

 

Signale aus dem Gehirn

2002 veröffentlichte eine Forschungsgruppe des Martha Entenmann Tinnitus Research Centers in New York einen Bericht, in dem sie beschrieb, wie sich Tinnitus-Symptome ihren Weg durch das menschliche Gehirn bahnen. Dabei wies der Bericht auf einen Zusammenhang zwischen Tinnitus-Symptomen und einer zu geringen Konzentration des Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminonbuttersäure) im Gehirn hin. GABA ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter des Zentralnervensystems – mit anderen Worten: er sendet Signale, mit denen er Zellreaktionen drosseln kann. In dieser Manier fördert er erwiesenermaßen die Entspannung, den Schlaf und hilft dabei Angst zu regulieren.

Ein GABA-Mangel könnte daher durchaus in erhöhtem Stress, Depressionen und Angst resultieren – Leiden, die bei Tinnitus-Patienten eine Verschlimmerung ihrer Symptome her- vorrufen können. Im Umkehrschluss könnte sich die Anhebung der GABA-Konzentration hingegen – zumindest theoretisch – positiv auf Tinnitusbeschwerden auswirken. Leider ist die Sachlage ein wenig komplizierter. Viele Medikamente, die die GABA-Konzentration anheben, haben ernstzunehmende Nebenwirkungen und machen zudem abhängig, sodass betroffene Patienten ihre Einnahmedosis kontinuierlich erhöhen müssen, um weiterhin das gewünschte Ergebnis zu erhalten.

Aber kann die GABA-Konzentration nicht auch auf natürlichem Wege angehoben werden? Genau hier kommt Yoga ins Spiel.

 

Ein natürliches Heilmittel

Yoga hat sich als effektives Mittel zur Linderung von Erkrankungen wie Depressionen, Migräne, Angstzuständen und Epilepsie bewährt. Da auch diese Krankheiten in Zusammenhang mit der GA-BA-Konzentration stehen, hat eine Forschungsgruppe der medizinischen Fakultäten der Harvard-Universität und der Universität von Boston untersucht, ob Yoga auch Tinnitus-Patienten helfen kann. Zu diesem Zweck führte das Team eine Pilotstudie mit zwei Gruppen durch: Die Kontrollgruppe entspannte sich eine Stunde lang beim Lesen von Zeitschriften oder Büchern, während der anderen Gruppe im selben Zeitraum verschiedene Yogaübungen (auch Asanas genannt) beigebracht wurden. Bei der Kontrollgruppe konnten keine Änderungen in der GABA-Konzentration ausgemacht werden. In der Yoga-Gruppe stieg die GABA-Konzentration hingegen um durchschnittlich 27% an. Die Ergebnisse dieser Pilotstudie erschienen der Forschungsgruppe so vielversprechend, dass nun eine größer angelegte Studie geplant ist.

Die Vorteile von Yoga liegen auf der Hand: Im Gegensatz zu Medikamenten ist es vollkommen natürlich und hat keinerlei Nebenwirkungen. Und wenn Sie erst einmal gelernt haben, die verschiedenen Übungen richtig auszuführen, und das Gefühl der Ruhe und Energie nach einer Yoga-Stunde genossen haben, könnte passieren, dass Sie „Yoga-süchtig“ werden.