Musik mit Hörverlust

Musikgenie trotz Hörverlust

Ta-Ta-Ta Taaa. Diese musikalische Einleitung hat jeder schon mal gehört, egal ob Klassikfan oder nicht. Es ist der Auftakt zur 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Diese und seine 9. Sinfonie mit der berühmten „Ode an die Freude“ haben dafür gesorgt, dass er als einer der größten Komponisten aller Zeiten gilt. Was angesichts seiner musikalischen Meisterleistungen aber schnell in Vergessenheit gerät – und einfach unglaublich ist: Beethoven war schon in jungen Jahren schwerhörig und später sogar taub. Seine späten Kompositionen konnte er selbst nicht mehr hören.
„Es muss davon ausgegangen werden, dass Beethoven seine Kompositionen stattdessen vor seinem geistigen Gehör wahrgenommen hat. Eine besondere Leistung“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. Ingo Todt. Der Oberarzt am Klinikum Mitte in Bielefeld ist HNO-Facharzt. Und begibt sich auf Ursachensuche: Was führte zu Beethovens Taubheit?

 

 

Wahrscheinlich ein chronisches Leiden

 

„So bald ich tot bin, (…), so bittet ihn (Anm. d. Red.: seinen Arzt Professor J. Adam Schmidt) in meinem Namen, daß er meine Krankheit beschreibe, (…) damit wenigstens soviel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde (…).“ Dies schrieb Ludwig van Beethoven 1802, nur 32 Jahre alt, in sein Heiligenstädter Testament. Damals litt er schon seit fünf Jahren unter zunehmender Schwerhörigkeit. „Dies ist nach heutigen Maßstäben als ungewöhnlich früh zu bezeichnen“, sagt Todt. „Und legt nahe, dass der Grund für seine Schwerhörigkeit keine Altersschwerhörigkeit ist, auch wenn diese vielfach beschrieben wird.“
Beethoven selbst schildert seine Symptome 1801 in einem Brief an einen Freund. Zusammengefasst litt er beidseitig unter Schwerhörigkeit mit Hochtonverlust und Sprachverständlichkeitsverlust, Ohrgeräuschen, Verzerrungen und Überempfindlichkeit für Schall. Deshalb geht Ingo Todt von einem chronischen Leiden bzw. einer Innenohrschwerhörigkeit aus. Aber was genau war die Ursache? Manche vermuten eine Verkümmerung des Hörnervs, andere einen Tumor. Beides hält der Mediziner aber für unwahrscheinlich, da es „üblicherweise nur einseitig auftritt“.

War es eine Bleivergiftung?

 

Auch bei einer Otosklerose, bei der es aufgrund von Stoffwechselveränderungen zu einer Verknöcherung im Bereich der Gehörknöchelchen oder der Hörschnecke kommt, sei eine beidseitige Ertaubung ungewöhnlich. Diskutiert werden auch eine Bleivergiftung oder eine Lues-Erkrankung (Syphilis). „Bis heute hat man keine genaue Erkenntnis über eine Ursache der Schwerhörigkeit.“ Aber hätte man sie trotzdem mit dem medizinischen Wissen von heute heilen können? „Das ist, wenn wir von einer Betroffenheit des Innenohrs ausgehen, auch heute nicht immer möglich“, antwortet Todt. „Aber wenn wir von einer Infektionskrankheit ausgehen, hätte er vielleicht nicht ertauben müssen.“

 

Auch bei einem Tumor am Hörnerv können Mediziner helfen: Dieser kann mittels eines mikroskopischen Eingriffs entfernt und bestrahlt werden. Und bei einer Otosklerose? „Das ist eine Erkrankung, die meist durch einen kleinen Mittelohreingriff therapiert werden kann.“ Dabei ersetze eine winzige Titanprothese den verknöcherten Anteil der Gehörknöchelchenkette. Damals aber bekam Beethoven Mandelöl-Ohrtropfen und Meerrettich-Baumwolle verschrieben, es folgte eine Behandlung mit Teesorten, und der Komponist nahm lauwarme Donaubäder. „Nach heutigen Maßstäben ist das natürlich als abenteuerlich anzusehen“, sagt Todt. „Heutzutage hätte man Beethoven vermutlich mit Infusionstherapien behandelt und sein Hörvermögen wiederherstellen oder zumindest das Fortschreiten der Hörminderung verlangsamen können.“ Auf jeden Fall hätte man Beethoven mit der Technik und Medizin des 21. Jahrhunderts besser unterstützen können. „Die Möglichkeiten der Behandlung sind heute sehr umfänglich und lassen sich individuell an das Ausmaß der Schwerhörigkeit anpassen“, sagt Todt. Ein digitales Hörsystem, ein Mittelohrimplantat oder ein Cochlea-Implantat wären denkbargewesen.

 

Doch all das gab es im 19. Jahrhundert noch nicht. Und der Komponist zog sich mit zunehmendem Gehörverlust immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Ein typisches Verhalten, erklärt der Arzt. „Das fehlende Verstehen führt zu Frustration und Isolation. Dies wiederum hat erhebliche psychische Folgen.“ Beethoven lebte zuletzt in einer Gefühlswelt, die sich auch in seiner Musik widerspiegelt. Harmoniebrüche sowie Stimmungsveränderungen: Experten schreiben diese seiner Erkrankung zu. „Somit wäre Beethovens Musik ohne ein Hörleiden vermutlich ganz anders, als wir sie heute erleben dürfen.“