Musik, die Muttersprache der Menschheit

Eine Sopranstimme, die uns eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Ein alter Popsong im Radio, der plötzlich zu Tränen rührt. Fast alle Menschen erinnern sich an Situationen in ihrem Leben, in denen Musik ihre Stimmung verändert, sie aufgerüttelt oder gerührt hat. Solche Momente erlebt der Einzelne oft als ganz persönliche Erfahrung. Und doch kennt die Musikpsychologie Gesetzmäßigkeiten: Sie weiß, welche Musik welche Emotion auslöst.

 

Ganz allgemein gilt, dass Menschen von langsamer Musik beruhigt werden, sich von schneller Musik beschwingen und mitreißen lassen. Wie aber schafft es ein Orgelkonzert von Bach, ein Popsong von den Beatles oder die Trompete von Miles Davis, so starke Reaktionen wie eine Gänsehaut oder Tränen auszulösen?

 

Ein Team von Musikpsychologen um die Wissenschaftler Eckart Altenmüller und Reinhard Kopiez von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, hat sich diese Frage gestellt und untersucht, wo in Musikstücken die „gänsehautverdächtigen“ Stellen sind. Dazu haben die Forscher 38 Personen zwischen 11 und 72 Jahren sehr unterschiedliche Musikstücke vorgespielt.

 

Die durch die Forscher ausgewählten Musikstücke, sollten die gesamte Bandbreite möglicher Emotionen ansprechen. Ein langsames, romantisches Geigenthema aus dem Film „Chocolat“ wurde ebenso gespielt wie ein hartes Heavy-Metal-Stück. Daneben gab es Hörproben eines Bossanova und eines Cello-Rocksongs, der trotz seiner Ruhe bedrohlich wirkte. Abgerundet wurde die Musikauswahl von ein paar echten „Gänsehautstücken“, wie einer Tokkata von Johann Sebastian Bach und einem Mozart-Requiem.

Auch wenn die körperlichen Reaktionen bei den Personen zum Teil unterschiedlich waren, gab es doch ein wiederkehrendes Muster: Wenn eine Gänsehaut auftrat, dann veränderten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Herzfrequenz und Hautwiderstand.

 

Und welche Stücke sind es, die Hörern einen Schauer über den Rücken treiben? Ganz einfach: Musik, die als angenehm empfunden wird. Musik, für die der Hörer sich begeistert. Oder Musik, die eine „bittersüsse“, klagende Komponente hat. Unangenehme, aufreibende Stücke wie der von den Forschern ausgewählte Heavy-Metal-Song ließen die Hörer eher kalt.

 

Sucht man darüber hinaus in den Stücken nach speziellen musikalischen Ereignissen die Emotionen auslösen, zeigten sich in der Hannoveraner Studie einige stabile Muster: Beim Beginn neuer Abschnitte in der Musik, beim Einsetzen einer Solostimme, beim wuchtigen Einsatz des Chors und bei Veränderungen der Lautstärke, berichteten die Versuchspersonen von starken Emotionen und von Gänsehaut.

„Es ist der Beginn von etwas Neuem im Fluss der Musik, der eine emotionale Reaktion auslöst. Oft sind Gänsehautmomente die, in denen etwas Unerwartetes passiert, in denen eine Verletzung der musikalischen Regeln stattfindet, die der Hörer kennt“, erklärt Eckart Altenmüller, Professor für Musikmedizin.

„Die Zusammenhänge zwischen Musik und Gefühlen sind nicht mechanisch. Ob eine Musik Gänsehaut und große Gefühle auslöst, ist nie hundertprozentig voraussagbar“, erklärt Reinhard Kopiez. Vielmehr spielen bei der emotionalen Wirkung von Musik persönliche und individuelle Faktoren eine sehr große Rolle.

 

Die Probanden der Studie zeigten zum Beispiel bei selbst mitgebrachten Musikbeispielen, die sie als „persönliche Gänsehautstücke“ bezeichneten, viel häufiger und zuverlässiger entsprechende Reaktionen als bei unbekannten Werken.

 

Aber die Bekanntheit der Musik hat noch einen anderen Aspekt als süße Nostalgie und persönliche Erinnerung: Wer eine bestimmte Sorte von Musik gut kennt, der kann sie auch differenzierter hören und aufnehmen. So kommt es, dass man bei Stücken einer vertrauten Musikrichtung viel stärker emotional mitgeht. Besonders offensichtlich ist dieses Phänomen bei moderner Klassik und beim Jazz: Was dem Jazzfan ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, lässt den ungeübten Hörer einfach nur kopfschüttelnd zurück. Das bedeutet: Wenn man eine Musik kennt, sie sozusagen „lesen“ kann, wird man auch eher einen emotionalen Zugang zu ihr finden. Die Erkenntnis, dass Musik von vielen Menschen als etwas sehr Genussvolles, Belohnendes und auch emotional Beruhigendes erlebt wird, als eine Art Droge ohne Nebenwirkungen, passt gut zu verschiedenen jüngeren neurophysiologischen Befunden: So stellten die Neurologen Anne Blood und Robert Zatorre vor einigen Jahren fest, dass während des Musikhörens – und vor allem dann, wenn beim Hören eine Gänsehaut auftritt – im Gehirn dieselben Zentren aktiviert sind, die auch arbeiten, wenn man mit Heißhunger Schokolade isst, mit einer attraktiven Person Blickkontakt hat.

 

Dass Forscher immer wieder nach universellen Prinzipien suchen, sich immer wieder fragen, ob es nicht doch eine Art von Musik geben könne, die alle Menschen gleichermaßen in ihren Bann ziehe, das habe vor allem einen Grund, glaubt Eckart Altenmüller: „Es gibt eine Sehnsucht, dass Musik eine völkerverbindende Sprache, eine Art Muttersprache der Menschheit sein könnte.“ Dass dies nicht so ist, jedenfalls nicht so eindeutig, sei höchstens für Musikexperten aus der Werbung, die mit einer universell glücklichmachenden Musik einen bestimmten Joghurt verkaufen möchten, oder für heillose Romantiker eine schlechte Nachricht. Die harmonisierende, euphorisierende und soziale Wirkung von Musik sieht Altenmüller dagegen als gesichert an, auch wenn nicht alle Menschen bei der gleichen Musik eine Gänsehaut bekommen.