Mit allen Sinnen

Sinne wie das Riechen oder das Hören sind nicht so individuell, wie wir vielleicht glauben, und unsere Sinne arbeiten nur selten für sich alleine. Auf diese Weise bilden sogar Geräusche und Gerüche manchmal eine ungewöhnliche Partnerschaft.

 

> An welches Geräusch denken Sie, wenn Sie Zitronenduft riechen? Und bei Rauch? Geräusche mit Gerüchen zu assoziieren mag unkonventionell er- scheinen, doch jüngste Forschungen bezüglich der Frage, wie unsere Sinne miteinander interagieren, haben überraschende Ergebnisse hervorgebracht. <

 

 

Die Interaktion unserer Sinne wird auch als intermodale Wahrnehmung bezeichnet. Wie Anne-Sylvie Crisinel, Doktorandin an der Universität Oxford, erklärt, sind unsere Sinne noch viel komplexer, als wir uns vorstellen können. „Unsere Wahrnehmung ist größtenteils multisensorisch“, so Anne-Sylvie. „Für gewöhnlich sehen wir, was wir im nächsten Moment essen. Wir versichern uns nicht nur visuell, sondern auch auditiv, dass kein Auto kommt, bevor wir die Straße überqueren und wenn wir etwas berühren, erzeugt das meistens ein Geräusch usw. Unsere verschiedenen Sinne interagieren miteinander und in den meisten Fällen sind wir uns dessen nicht bewusst.

Entsprechend assoziieren wir einfach automatisch die Farbe Gelb mit dem Duft von Zitronen oder ordnen einem kleineren Gegenstand ein hochfrequenteres Geräusch zu.“

 

DIE SINNE MACHEN ÜBERSTUNDEN

In Experimenten mit dem Geschmacks- und Geruchssinn haben Anne-Sylvie und ihre Kollegen des Oxford’s Crossmodal Research Laboratory untersucht, wie wir diese Sinneswahrnehmungen mit Musik verbinden. „Wir baten die Studienteilnehmer, verschiedene Stimuli zu schmecken oder zu riechen und anschließend einen Ton zu wählen, der ihrer Meinung nach am besten zu dem jeweiligen Geschmack oder Geruch passt“, erklärt Anne-Sylvie. „Dabei konnten sie sowohl die Höhe des Tons als auch das Musikinstrument wählen, das ihn spielen sollte. Außerdem ließen wir Teilnehmer Karamellbonbons probieren, während sie zwei verschiedene Musikstücke hörten. Dadurch konnten wir nachweisen, dass Musik beeinflussen kann, wie bitter oder süß ein Bonbon bewertet wird.“

Die Reaktionen auf diese Versuche ergaben bemerkenswerte Übereinstimmungen. „Die Teilnehmer tendierten dazu, angenehm klingende Instrumente wie das Klavier mit angenehmen Geschmäcken und Gerüchen zu assoziieren, während sie weniger angenehm klingende – zum Beispiel Blechblasinstrumente – mit unangenehmen Geschmäcken und Gerüchen verbanden“, erläutert Anne-Sylvie.

Auch in Bezug auf die Tonhöhe fielen die Assoziationen sehr eindeutig aus. Die meisten Leute wählten höhere Töne für fruchtige Düfte wie Zitrone, Apfel oder Aprikose und tiefere für Gerüche wie Rauch oder Moschus.

 

Bislang sind die Möglichkeiten der praktischen Anwendung dieser Studienergebnisse noch relativ beschränkt. Doch könnte man vielleicht einen Weg finden, um Menschen mit Hörminderungen mithilfe ihres Geruchssinnes zu einem besseren Gehör zu verhelfen? „Einige Künstler experimentieren bereits mit dem Mischen von Sinneseindrücken, indem sie Gerüche mit Musik oder Geschmacksrichtungen mit Hintergrund- musik kombinieren“, schildert Anne-Sylvie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Minderung des Gehörs durch den Geruchssinn kompensiert werden kann. Aber wenn man beide Sinne kombiniert und sich ihre Interaktion bewusst macht, könnte das unsere Wertschätzung beider Sinne steigern.“

Die Frage, weshalb diese Assoziationen überhaupt stattfinden, ist nach wie vor ungeklärt. Einige Forscher glauben, dass unsere Vorfahren zum Beispiel durch Bewegungsgeräusche gepaart mit einem unbekannten Geruch vor Feinden oder Raubtieren gewarnt wurden. Laut Anne-Sylvie „ist immer noch unklar, was solche Assoziationen auslöst und wie sie ablaufen. Es scheint eine Rolle zu spielen, wie angenehm wir eine Assoziation empfinden und wie komplex sie ist, aber noch sind wir weit davon entfernt, dieses Phänomen tatsächlich zu verstehen.“